Galerie

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Women Gallerists in the 20th and 21st Centuries
2008

Sie machte die westliche Welt mit der osteuropäischen Avantgarde bekannt: Antonina Gmurzynska, 1923 in Warschau geboren. Sie war in einem kultivierten Elternhaus aufgewachsen. Wie bereits ihre Mutter hatte sie Kunstgeschichte studiert und danach an einem polnischen Museum gearbeitet. 1964 wallte es der Zufall, dass sich Antonina Gmurzynska, ihr Mann und ihre Tochter unabhangig voneinander im Ausland befanden. »Meine Mutter war bei Verwandten in Dänemark, mein Stiefvater bei einem Ärztekongress in Schweden. Ich war damals 13 Jahre alt und auf einem französischen Internat«, erzählt die Tochter Krystyna. Gute Freunde rieten zu bleiben, so eine Chance käme so bald nicht wieder. So ließ man alles zurück und siedelte sich in Köln an. Der Start am Rhein war ganz und gar nicht leicht, trotz der internationalen Kontakte, die Antonina Gmurzynska bereits in Polen aufgebaut hatte. "Meine Mutter sprach nicht gut Deutsch, traditionell waren die kulturellen Verbindungen von Polen ja eher nach Frankreich ausgerichtet, sagt die Tochter. Eine Galerie zu eröffnen, war zudem auch deshalb ein Risiko, weil Antonina Gmurzynska keine kaufmännische Erfahrung hatte. In Polen waren damals Privatgeschäfte verboten. Sie verbündete sich mit der aus ihrer Heimat stammenden Exilantin Kenda Bargera. Gemeinsam führten sie sieben Jahre lang die Galerie, dann trennten sich ihre Wege. Die Auftaktausstellung glänzte mit Werken von Impressionisten, die französische Sammlerfreunde Antonina Gmurzynska überlassen hatten. Mit der Spezialisierung auf osteuropäische Avantgarde bezog die Galerie ab 1967 eindeutig Position, ihre Ausstellung Russische Kunstler des 20. Jahrhunderts wurde 1968 weithin beachtet. 1971 schloss sich die Schau Osteuropäische Avantgarde an, 1973 folgte Progressive russische Kunst bis 1930 und ein Jahr später Von der Flache zum Raum mit Werken vom Suprematismus bis zum Konstruktivismus. Um die Leistung von Antonina Grnurzynska würdigen zu können, muss man sich vor Augen halten, was man damals in der hiesigen Kunstwelt über die osteuropäische Avantgarde wusste, nämlich verschwindend wenig. In der Sowjetunion waren die Werke von Kasimir Malewitsch, Wassily Kandinsky, Alexander Rodtschenko und ihren revolutionären Weggenossen nach gefeierten Aufbrüchen am Anfang des 20. Jahrhunderts längst unerwünscht und ins Depot verbannt. Ausfuhr und Handel waren so gut wie ausgeschlossen. Im Westen waren die Pioniere der Abstraktion erst zu entdecken. Wenn etwas auf den Markt kam, stammte es aus rechtzeitig ins Ausland geretteten Nachlässen oder von noch lebenden Künstlern, die emigriert waren. So konnte die Galerie Gmurzynska nach und nach mit Marc Chagall (1887-1985), Sonia Delaunay-Terk (1885-1979), Paul Mansouroff (1896-1983) und dem mit Man Ray und Marcel Duchamp befreundeten Serge Charchoune (1888-1975) zusammenarbeiten. Freundschaftlichen Umgang pflegte Antonina Gmurzynska auch mit den Witwen und Nachfahren von Iwan Puni, Alexandra Exter, Alexander Archipenko und Naum Gabo, die im zumeist französischen Exil lebten. Material gab es also, aber wenig Kenntnis und deshalb zunächst auch kaum Interesse an den wegweisenden nichtgegenstandlichen Blättern und Leinwänden, die der Kunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine völlig neue Dimension eröffnet hatten. Diese Schätze zu heben und in ein breiteres Bewusstsein zu tragen, machte Antonina Gmurzynska zu ihrer Lebensaufgabe. Dabei legte die grazile kleine Dame eine erstaunliche Energie an den Tag, missionierte bei Sammlern und in Museen. Meine Mutter«, so sagt Krystyna Gmurzynska stolz, war eine Visionärin, die vor allem deshalb Erfolg hatte, weil sie aus tiefster Überzeugung handelte und so die von ihr gezeigte Kunst auch glaubwürdig vertreten konnte.« Diese Überzeugungstat fand ihre Ergänzung in kunsthistorisch fundierten Publikationen, die parallel zu den Ausstellungen entstanden. Diese zunehmend opulenteren Kataloge waren Antonina Gmurzynska auch deshalb so wichtig, weil es bis dahin so gut wie nichts Gedrucktes zu diesem Thema gegeben hatte. Lediglich Camilla Gray hatte 1962 Das grosse Experiment. Die russische Kunst 1863-1922 veröffentlicht, das heute noch als Standardwerk gilt. Für die Rehabilitierung der osteuropäischen Avantgarde und der Steigerung ihres bis dato so gut wie nicht existenten Marktwerts engagierte sich neben der ehemaligen Partnerin Kenda Bargera zu dieser Zeit nur die Londoner Galeristin Annely Juda. 1979 gab Tochter Krystyna, die an der Sorbonne in Paris studiert und ganz im Sinne der Familienvorliebe über die Skulptur der russischen Avantgarde promoviert hatte, ihr Debüt in der Galerie mit der Ausstellung Kunstlerinnen der russischen Avantgarde 1910-1930. Zu dem Zeitpunkt hatten die wenigsten Kunstinteressierten die Namen Ljubow Popowa, Alexandra Exter, Nadeschda Udalzowa, Natalja Gontscharowa, Olga Rosanowa oder Warwara Stepanowa überhaupt gehört, geschweige denn gewusst, welche bedeutende Rolle sie auf dem Gebiet der Malerei, des Designs, der Literatur gespielt hatten. Anders als die Kunstlerinnen ihrer Zeit im Westen waren sie von den männlichen Kollegen lebhaft unterstützt und in ihrer Selbstständigkeit gefördert worden. In den rund 20 Jahren ihrer Galerietätigkeit hatte Antonina Gmurzynska mit ungeheurem Fleiss ein zwischen Ost und West bestens funktionierendes Netzwerk aufgebaut. Die Sammler Peter Ludwig, Georgi Costakis und Hans•Heinrieh von Thyssen-Bornemisza, Friedrich Wilhelm Christians, in seiner Zeit als Chef der Deutschen Bank, schätzten das Gespräch mit ihr und liessen sich bei Ankäufen beraten. Sie vermittelte die Ausleihe von Werken der Privatsammlung Thyssen.Bornemisza bei Lugano für eine grosse Ausstellung im Puschkin•Museum in Moskau; umgekehrt zeigte das Puschkin Museum seine Schätze in der Villa Favorita am Luganer See. Das war damals eine Sensation, auch dass Antonina Gmurzynska im Jahr 1981 für die Ausstellung Von der Malere; zum Design 200 Werke aus öffentlichen und privaten russischen Sammlungen geliehen bekam. Eine solche Gunst war zuvor noch keiner Galerie gewährt worden. Bei aller beharrlichen Liebenswürdigkeit gegenüber Menschen, die ihre Passion teilten konnte die Galeristin auch sehr energisch auftreten. »Eines Nachts«, erinnert sich die Tochter Krystyna, wurde sie von der Polizei aus dem Bett geklingelt. Es handele sich um eine Schlagerei, sie müsse kommen. Auf der Wache fand sie den polnisch-französischen Kunstler Jan Lebenstein eingesperrt vor. Sie verlangte seine Freilassung und ging mit ihm hoch erhobenen Hauptes von dannen.« Über die Zeit war Antonina Gmurzynska zu einer gewieften Geschäftsfrau gereift. Sie konnte hart verhandeln, und ihre Preise kletterten parallel zur wachsenden Wertschätzung der osteuropäischen Avantgarde bis in damals noch ungekannte Millionenhöhe. Die Vernissagen wurden nach und nach zu glanzvollen gesellschaftlichen Ereignissen, bei denen sich der damalige Bundespräsident Walter Scheel und der damalige nordrhein-westfälsche Ministerpräsident Johannes Rau gern blicken liessen. Und auch der Kunst Hebende russische Botschafter Wladimir Semionow war von der eleganten und stets leise auftretenden Dame bezaubert und setzte sich diplomatisch Ost-West entspannend für sie ein. 1986 starb Antonina Gmurzynska nach langer Krankheit, sie wusste die Galerie in den Händen der Tochter Krystyna gut aufgehoben. Szenenwechsel. Die Anfänge der Antonina Gmurzynska in Köln sind Legende. Krystyna Gmurzynska hat die Aktivitäten nach St. Moritz, Zug und an den Paradeplatz in Zurich verlegt. »Meine Mutter hat nicht nur viel für die Wiederentdeekung der osteuropäischen Avantgarde getan, auch fur die Stadt Köln«, sagt sie, »deshalb ist es kaum zu verstehen, dass die von Peter Ludwig angeschaffte bedeutende Sammlung osteuropäischer Avantgarde im Museum Ludwig nieht gezeigt wird. Wenn die Dinge nicht sichtbar sind, vergisst man ja auch, wer dafür einmal gestanden hat. Der Tradition verpfliehtet zeigt die Galerie weiterhin Meisterwerke dieser Kunst des Aufbruchs und der klassischen Moderne. Dazu gesellten sich in jüngerer Zeit Ausstellungen mit Skulpturen von Louise Nevelson, der grössen amerikanischen Bildhauerin russischer Herkunft, Rain Machine mit Sonnenblumen hinter einem Wasservorhang von Andy Warhol sowie Fotografien von Karl LagerIeld. Inzwischen streht auch die Enkelin Isabelle ins Galeriegeschäft. Am liebsten wäre die Tochter von Krystyna Gmurzynska gleich nach dem Abitur in die Galerie eingestiegen. Eher zähneknirschend absolvierte sie die Regent's Business School in London, um nun Kunstgeschichte zu studieren. Sie soll für die Leitung der Galerie noch besser vorbereitet sein, als es Multer und Grossmutter waren. »Jch war noch sehr jung, als ich Antonia Gmurzynska kennenlernte, sie besuchte oft meinen Vater im Auktionshaus. Ihr ganz grosses Verdienst ist wohl, doss sie geradezu missionarisch und zu Recht dafür sorgte, dass die russische Avantgarde als die bedeutendste revolutionäre Kunstbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts anerkannt wurde. Damit öffnete sie vielen die Augen. Antonia Gmurzysnka war von liebenswürdiger Distanz und konnte Sammler sehr überzeugen. Sie hatte ein Zauberwort, das sie mit ihrem charmanten polnischen Akzent den Sammlern zuraunte: Ist günschtig, sagte sie gerne. Das hat ziemlich gut funktioniert.« Henrik Hanstein, geschäftsführender Gesellschafter des Auktionshauses Lempertz in Köln


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