Primo Piano II (1962) entstand in den letzten Jahren von David Smiths tragisch kurzer Karriere. Sein Interesse am Einsatz unterschiedlicher Materialien wird in der Kombination von glänzendem, rostfreiem Stahl, weiß bemaltem Stahl und patinierter Bronze sichtbar. Die hieraus resultierenden Kontraste betonen die Bedeutung der Oberfläche in der Skulptur. Für diese besondere Verbindung von Farbe und Textur mit Linie und Form wurde der Bildhauer des Abstrakten Expressionismus berühmt. In der Vereinigung von Sichtweisen des Malers mit Fähigkeiten des Bildhauers repräsentiert Primo Piano II (1962) Smiths Bestreben die Grenzen der Bildhauerei zu sprengen.
Ursprünglich installiert auf den Feldern von Bolton Landing, dem Landsitz und Atelier des Künstlers, ist diese Skulptur eine der wenigen Arbeiten von Bolton Landing, die sich in Privater Hand befinden. Die Skulpturensammlung von Bolton Landing war die größte und dramatischste Zusammenstellung von Smiths „Zeichnungen im Raum". Jede von ihnen sollte im Zusammenhang mit der großartigen Naturkulisse gesehen werden, mit den Bergen rund um Smiths Atelier und den Ufern des Lake George. Primo Piano II reflektiert mit seiner glänzenden, rostfreien Stahloberfläche den Himmel und das Wasser. Die scharfen weißen Formen bewegen sich mit- und gegeneinander und mit und gegen ihre Umgebung. Zudem verändert sich durch den Einfluss der Natur im Laufe der Zeit Farbe und Textur der bronzenen Oberfläche, und tritt wie die gesamt Skulptur in Dialog mit der Landschaft. Die Sammlungsstücke von Bolton Landing haben mittlerweile ihren Weg in bedeutende internationale Sammlungen gefunden, darunter die National Gallery, Washington D.C., die Tate Gallery, London und die National Gallery of Canada, Ottawa.
Primo Piano II, aus einer Serie von nur drei Primo Pianos, schuf Smith als ein Experiment zu Bewegung und Raum. Die Übersetzung des italienischen Titels verweist auf die europäische Architekturtradition der „Belle Etage". Der leere Raum zwischen den beiden horizontalen Flächen von Primo Piano II ist ein zentraler Teil der Skulptur und stellt Abwesenheit und Leere den Elementen von Geometrie und Bewegung gegenüber. Die hochglänzende polierte Stahlfläche an der höchsten Stelle kontrastiert mit der dunklen roh belassenen Bronzeoberfläche in Form einer Träne. Die Linien und Flächen der weiß bemalten Stahlplastik erzeugen eine visuelle Bewegung, die den umgebenden Raum mit einbezieht. Farbe und Form sind untrennbar verbunden und machen David Smiths Vision Malerei, Zeichnung und Bildhauerei zu einem visuellen Erlebnis zu verschmelzen, anschaulich.